In Gedenken an Sedat Gürbüz

In Gedenken an Sedat Gürbüz

Am 19. Februar 2020 wurden zehn Menschen bei einem rassistischen Terroranschlag in Hanau ermordet: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nessar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov und Gabriele Rathjen.

Sedat Gürbüz, Besitzer der Shishabar "Midnight", die der erste Tatort des Anschlags war, stammte aus Dietzenbach. Er ist in der Dietzenbacher Altstadt groß geworden.

Die Partnerschaft für Demokratie in Dietzenbach unterstützt mit weiteren Engagierten aus der Zivilgesellschaft die Famillie und Freund*innen von Sedat dabei, die Erinnerung an ihn in Dietzenbach aufrecht zu erhalten.

Auf dieser Seite dokumentieren wir diese Aktivitäten. Sie sind zugleich ein Aufruf an die demokratische Zivilgesellschaft, das öffentliche Erinnern an Sedat Gürbüz und alle anderen Opfer rassistischer Gewalt zu gestalten und sich jeder Form von Rassismus entgegenzustellen. #saytheirnames

Ein Jahr nach Hanau

Ein Jahr nach Hanau

Zum Jahrestag des rassistisch motivierten Anschlags von Hanau hat die Partnerschaft für Demokratie Dietzenbach Gedenkplakate drucken lassen, um an die Opfer Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nessar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov zu erinnern und ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen.

Die Mutter von Sedat Gürbüz steht mit dem Dietzenbacher Bürgermeister, dem ersten Stadtrat, der Stadtverordnetenvorsteherin und der Vorsitzenden des Ausländerbeirates vor einem Gedenkplakat für die Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau.

Zum Start der Plakataktion fanden sich die Mutter von Sedat, Emis Gürbüz, Bürgermeister  Jürgen Rogg, 1. Stadtrat Dr. Dieter Lang, die Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung Christel Germer und die Vorsitzende des Ausländerbeirates, Helga Giardino, für ein Pressefoto zusammen.

Im Rahmen der Pressemitteilung wurde auch herausgestellt, dass neben den Bannern und Plakten, die die Stadt in Zusammenarbet mit der Partnerschaft für Damokratie aufgehängt hat, die Zivilgesellschaft Dietzenbach dazu eingeladen ist, Plakate bei der Partnerschaft für Demokratie zu bestellen und diese bei sich aufzuhängen. Die Palaktaktion fand auch über die Stadt hinaus, im Kreis Offenbach, Anklang.

Plakataktion

  • Ein Banner schmales Banner zum Gedenken an die neun Opfer des Anschlags von Hanau ist am Ortseingang auf einer Ausstellungsfläche gespannt. Im Vordergrund liegt Schnee.

    Plakataktion in Dietzenbach

  • Die Gedenkplakate zum Anschlag in Hanau hängen an einem Holztor

    Plakataktion in Dietzenbach

  • Das Gedenkbanner ist auf einem Bauzaun gespannt, im Hintergrund ragt ein Baukran hervor.

    Plakataktion in Dietzenbach

  • Ein Gedenkbanner mit den Portraits aller 9 Opfer des ANschlags von Hanau hängt aus dem ersten Stock des Bildungshauses. In der Festerfront des ersten Stocks hängen zwei Gedenkplakte. Eines mit dem Portrait von Sedat Gürbüz und eines mit allen Opfern.

    Plakataktion in Dietzenbach

  • Ein Gedenkplakat mit Gesicht von Sedat Gürbüz ist in einem Plakatständer auf dem Roten Platz in der Dietzenbacher Altstadt aufgestellt.

    Plakataktion in Dietzenbach

  • Ein Plakat von Sedat Gürbüz hängt an einer weißen Wand. Links daneben wachsen Pflanzen.

    Plakataktion in Dietzenbach

  • Ein Plakat mit den Opfern des Anschlags von Hanau hängt in einem Plakataufsteller. Im Hintergrund befindet sich eine Straße und eine Steinmauer.

    Plakataktion in Dietzenbach

SVV-Beschluss: Stele und Ehrengrab für Sedat Gürbüz beschlossen

SVV-Beschluss: Stele und Ehrengrab für Sedat Gürbüz beschlossen

Am 30. Oktober hat die Stadtverordnetenversammlung - dem Wunsch der Familie Gürbüz entsprechend - beschlossen, dass am Roten Platz in der Altstadt ein Mahnmal aufgestellt werden soll. Zudem hat die SVV einer Änderung der Friedhofssatzung zugestimmt, die ein Ehrengrab für Sedat Gürbüz ermöglicht. Auch dies hat sich die Familie gewünscht.

Die Offenbach Post hat ausführlich über die SVV-Sitzung berichtet.

 

6 Monate nach Hanau - Sedat Gürbüz ist unvergessen

6 Monate nach Hanau - Sedat Gürbüz ist unvergessen

 

Neun Menschen stehen mit Plakaten auf denen Portraits der Opfer des Anschlangs ist Hanaus abgelichtet sind auf der Treppe vor dem Dietzenbacher Rathaus.

Im Folgenden dokumentieren wir einen Redebeitrag des Ausländerbeirats und der Partnerschaft für Demokratie (PfD) Dietzenbach auf der Kundgebung am 19.8.2020 vor dem Capitol Dietzenbach sowie einen Redebeitrag von Norbert Kern, Mitglied des Begleitausschusses der PfD Dietzenbach:

Liebe Familie Gürbüz,

liebe Freundinnen und Freunde,

liebe Verbündete im Kampf gegen Rassismus,

Wir sind heute hier in Solidarität und Anteilnahme mit euch, liebe Familie Gürbüz und allen weiteren Familien und Freunden, die vor sechs Monaten in Hanau geliebte Menschen verloren haben.

Wir als Ausländerbeirat und als Partnerschaft für Demokratie stehen seit dem 19. Februar an eurer Seite und werden den Kampf um Gerechtigkeit, den Kampf gegen Rassismus mit euch gemeinsam führen.

Das ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Aber zugleich nehmen wir mit Irritation zur Kenntnis, dass diese Aufgabe von politischer Seite auch immer wieder wie selbstverständlich dem Ausländerbeirat zugeschrieben wird. Fast scheint es, als ob die Erinnerung an den Anschlag, die Auseinandersetzung mit Diskriminierung und rassistischem Hass, die Unterstützung der Betroffenen bloß als unsere Angelegenheit gesehen wird – als etwas also, das vor allem die MigrantInnen betrifft.

Aber diese Sichtweise ist falsch und gefährlich. Dies sind nicht nur die Aufgaben der Ausländerbeiräte, der MigrantInnen und der betroffenen Familien. Der Kampf gegen den Rassismus ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft, denn der Rassismus ist auch ein Angriff auf die Demokratie.

Dietzenbach ist eine Stadt der Migration, ebenso wie Hanau. Alle, die die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt – zu denen auch Sedat Gürbüz gehörte – vertreten wollen, müssen sich ohne Einschränkung zum Kampf gegen Rassismus bekennen und ihn sich jeden Tag neu zur Aufgabe machen. Dazu gehört, für ein würdiges Gedenken einzutreten, das den Wünschen der Familie Gürbüz entspricht.

Der Anschlag in Hanau liegt erst ein halbes Jahr zurück und schon werden die ersten Stimmen laut, es sei genug mit dem öffentlichen Gedenken. Denen, die so reden, sagen wir: Das Gedenken an Sedat und alle anderen Opfer rassistischer Gewalt gehört in die Öffentlichkeit – dauerhaft, sichtbar und spürbar. Denn ihre Namen und Gesichter präsent zu halten ist die Bedingung dafür, dem Rassismus entgegen zu treten. Die Erinnerung ist ein Grundpfeiler der Demokratie. Wer sie infrage stellt, stellt die Demokratie infrage. Deshalb erneuern wir heute unser Versprechen: Wir werden Sedat nicht vergessen, liebe Familie Gürbüz, wir werden kein Opfer der rassistischen Gewalt vergessen. Wir fordern alle Demokratinnen und Demokraten auf, dabei an unserer Seite zu stehen.

Vielen Dank!

 

***

 

Liebe familie Gürbüz, liebe Freunde von Sedat, liebe Familienmitglieder der weiteren 8 ermordeten jungen Menschen, am 19.2.2020 in Hanau, lieber Mirkan, und alle Mitbetroffene des grausamen Verbrechens an unseren Mitbürgern,

als Bürger unserer schönen Stadt Dietzenbach, als ehemaliger Stadtverordneter und wohl als engagierter Mitstreiter für ein friedliches Zusammenleben auf demokratischer Basis zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen, mit verschiedenen Wurzeln und Religionen, wurde ich gebeten, an diesem Gedenktag an die grausam ermordeten jungen Menschen zu erinnern.

Was es für die Eltern, Grosseltern, Geschwister und Freunde bedeutet, durch ein solches Verbrechen geliebte Menschen zu verlieren kann ich persönlich nachvollziehen. Zwei meiner Geschwister starben mit 18 und 20 Jahren an einer unheilbaren Krankheit – aber junge geliebte Menschen durch eine rassistische tat wegen Hass auf vermeintlich nicht-deutsche Menschen von einem Rechtsradikalen – ich nenne sie noch immer noch „Nazi“ – zu verlieren, ist nicht vergleichbar.

Als ich von der grausamen tat über das Fernsehen hörte war ich sprachlos. Mir liefen Tränen, als ich an das Leid der Eltern und Familienmitglieder der ermordeten jungen Menschen dachte.

Auch Entsetzen und große Traurigkeit, dass erneut ein deutscher Rechtsradikaler für diese entsetzliche Tat verantwortlich war…

Und erneut ein Mitglied eines in direkter Nachbarschaft tätigen Schützenvereins…der hier bis kurz vor der Tat seine Schießübungen ausführen durfte. ein Mitglied, dessen Gesinnung nicht nur dem Schützenverein, sondern auch den einschlägigen Behörden, auch in Wiesbaden bekannt gewesen sein musste. Er durfte seinen Waffenschein erfolgreich beantragen und totbringende Waffen privat besitzen.

Einfach unfassbar…und sicherlich auch für sie, liebe Familie Gürbüz und Freunde.

Ich habe mir dann auch die reden der Politiker in Hanau – wie auch sie angehört…mir kamen sofort die reden unserer vom Volk – auch von den vermeintlichen ausländischen Mitbürgern – gewählten Politiker wieder in Erinnerung…auch das was wir von unserem Ministerpräsidenten Bouffier zu diesem und anderen vergleichbaren Anlässen uns anhören durften.

Und mir kamen die Morde des NSU und das Agieren einiger Vertreter der Polizei, des Innenministers, einiger Staatsanwälte und dann einiger Richter wieder ins Bewusstsein…

Und dann, liebe Familie Gürbüz und der weiteren betroffenen Familien, kann ich ihr Unverständnis nur zu gut verstehen, dass von all den vollmundigen Versprechen nichts zu sehen ist…

und es ist ihr demokratisches Recht, dass sie sich vor ein paar Wochen beim hessischen Landtag über Schikanen durch die Behörden und über intransparente Ermittlungen beschwert haben. Und es nicht nur ihr Recht, sondern auch die Pflicht der Politiker, die gnadenlose Aufklärung seinerzeit versprochen haben, an die Einlösung dieser versprechen immer wieder erinnern.

Nach alledem, wie sich die Auflösung rechtradikaler Verbrechen in der Vergangenheit darstellten, habe ich persönlich große Bedenken.

Und die in vielen demokratischen Medien diskutierte teilweise Befürchtung der Besetzung mit Rechtsradikalen bei Polizei und Behörden – und vielleicht auch bei Parteien – kann nur so als nicht vorhanden bewiesen werden…

Dietzenbach und andere betroffene Städte haben Parteivertreter im hessischen Landtag…auch diese Damen und Herren müssen ihre „Vorgesetzten“ an das Einhalten der versprochenen totalen Aufklärung ständig erinnern.

Das gehört auch zum Erinnern an die grausam aus dem eben gerissenen jungen Mitbürger an unserem heutigen Gedenktag, liebe betroffen Familien.

Liebe Familie Gürbüz, wir fühlen mit ihnen nach wie vor den großen Schmerz über den Mord an Sedat.

Darf ich sie bitten eine kurze Minute an die Ermordeten in stille zu gedenken?

Gemeinsamer Friedhofsbesuch am 19. Mai 2020

Gemeinsamer Friedhofsbesuch am 19. Mai 2020

Foto vom Grab von Sedat Gürbüz mit einem Gedenkkranz der Partnerschaft für Demokratie und des Ausländerbeirats

Drei Monate nach dem Anschlag von Hanau besuchten Angehörige und Freund*innen gemeinsam die Grabstätten der Opfer. Wir dokumentieren im Folgenden eine Rede, die Helga Giardino, Vorsitzende des Ausländerbeirats, bei diesem Anlass auf dem Dietzenbacher Friedhof gehalten hat:

Drei Monate ist der rassistische Anschlag her und Trauer und Schmerz sitzen immer noch genauso tief.

Lieber Sedat Gürbüz,

ein Sohn Dietzenbachs, wir stehen hier an Deinem Grab und Gedenken Deiner und Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Gökhan Gültekin und Hamza Kurtović in Liebe Schmerz und Trauer.

War es ein Traum, dass Ihr unter uns weiltet?

War es ein Traum als Ihr mit Eurem Lächeln Eure Familien, Freunde und Menschen um Euch herum bereichert habt?

War es ein Traum, ein Verweilen in Liebe und geborgtem Glück als Ihr mit ihnen in Liebe verbunden wart?

Tatsächlich, es muss ein Traum gewesen sein, denn die Wirklichkeit scheint ein Albtraum zu sein!
Ihr wurdet ermordet. Ermordet aus Hass, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.
Es ist ein Albtraum hier an Deinem Grabe zu stehen und zu wissen welch ein sinnloser Tod Euch ereilt hat.

Wie viele Opfer werden noch fallen, bis die Erkenntnis, dass der Frieden die Freundschaft, Freundlichkeit und Güte braucht, um dem Recht auf Leben eines jeden Menschen gerecht zu werden, sich durchsetzt. Niemand hat ein Recht, das Recht auf Leben eines anderen auch nur in Frage zu stellen, ganz zu schweigen, dieses Recht gewaltsam zu nehmen.

Wo das nicht geahndet wird, wo es toleriert wird, wo weggeschaut wird, muss eine menschenfeindliche Welt sein, es müssen menschenfeindliche Menschen sein.

Ja, es ist ein Albtraum. Wir leben in einem Albtraum.

Wir, der Ausländerbeirat der Kreisstadt und unsere Verbündeten, bitten die Verantwortlichen und verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger überall dafür zu sorgen, dass wir aus diesem Albtraum erwachen und uns der Namen von Sedat Gürbüz, von Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Gökhan Gültekin und Hamza Kurtović als Mahnung daran erinnern, was passieren kann und passieren wird ... immer wieder: sinnlose, grauenhafte, rassistische Morde aus Hass.

Wir rufen diesen empathielosen Menschen zu:

Bitte hört auf mit dem Hass. Hört auf mit dem Morden.

Es war ein Traum, geborgtes Glück, lieber Sedat, dass Ihr unter uns gelebt habt. Danke, dass Ihr uns geliebt habt.

Lebt wohl, dort wo Ihr jetzt seid.

„Die Zeit heilt nicht alle Wunden,
sie lehrt uns nur mit dem Unbegreiflichen zu leben.“